Was ist ein psychisches Trauma?
Ein psychisches Trauma oder Psychotrauma entsteht durch überwältigende Ereignisse, die die emotionale Bewältigungsfähigkeit eines Menschen vollständig überfordern. Häufig handelt es sich um Situationen, aus denen es keinen Ausweg gibt. Betroffene können weder kämpfen noch fliehen („no fight, no flight“). Sie erleben einen Zustand von Hilflosigkeit, Ausgeliefertsein und oftmals Todesangst sowie starke seelische Schmerzen.
Zu den möglichen traumatischen Erlebnissen zählen Vergewaltigungen, Überfälle, Misshandlungen, Folter, lebensbedrohliche Erkrankungen oder andere schwer belastende Ereignisse. Viele Traumatisierungen finden bereits im Kindesalter („Bindungstrauma“) statt. Ursachen können unter anderem sexueller oder emotionaler Missbrauch, häusliche Gewalt, Vernachlässigung, ständige Demütigungen, der Verlust eines Elternteils oder andere belastende Erfahrungen sein. Nicht selten geschehen diese Ereignisse im Verborgenen.
Ein psychisches Trauma kann langfristige seelische, soziale und körperliche Folgen nach sich ziehen. Traumatische Erfahrungen in der Kindheit („Bindungstrauma“)zählen zu den häufigsten Risikofaktoren für spätere psychische Erkrankungen. Dazu gehören die Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS, ICD F43.1), die Borderline-Persönlichkeitsstörung (ICD F60.31) sowie dissoziative Störungen (ICD F44.-). Auch Depressionen und andere psychische Erkrankungen können die Folge einer Traumatisierung sein.
Das Traumagedächtnis
Das limbische System des Gehirns befindet sich in der Übergangszone zwischen Neokortex und Hirnstamm und ist maßgeblich für die emotionale Verarbeitung von Sinneseindrücken und Lebenserfahrungen verantwortlich. Es steht in enger Verbindung mit psychischen Vorgängen.
Zum limbischen System gehören unter anderem der Hippocampus, der Gyrus cinguli, der Gyrus parahippocampalis, die Amygdala sowie die Corpora mamillaria.
Während eines traumatischen Ereignisses ist das limbische System mit der emotionalen Verarbeitung häufig überfordert. Die Amygdala kann die belastenden Sinneseindrücke nicht vollständig verarbeiten. Diese Eindrücke verbleiben dort und werden als sogenanntes Traumagedächtnis gespeichert.
Die eigentliche Erkrankung entsteht dabei nicht durch das Ereignis selbst, sondern durch den anhaltenden psychischen und körperlichen Stress, den das Trauma auslöst. Dieser Stress bleibt im limbischen System gespeichert und kann langfristig gesundheitliche Folgen haben.
Körperliche Folgen eines psychischen Traumas
Der Hypothalamus ist das wichtigste Integrationszentrum für vegetative Funktionen und steht unter starkem Einfluss des limbischen Systems. Dadurch wird verständlich, weshalb psychische Prozesse körperliche Reaktionen auslösen können.
Viele Menschen kennen Situationen, in denen Stress zu erhöhtem Puls, steigendem Blutdruck oder verstärktem Harndrang führt. Der Hypothalamus steuert das vegetative Nervensystem, die Hypophyse und beeinflusst zudem das Immunsystem. Er bildet somit eine wichtige Schnittstelle zwischen Psyche und Körper.
Menschen mit einem psychischen Trauma leiden häufig unter einem dauerhaft erhöhten Grundstress, der nicht immer bewusst wahrgenommen wird. Der Hypothalamus erhält kontinuierlich Stresssignale aus dem limbischen System. Dadurch werden verschiedene Körperfunktionen beeinflusst.
Vor allem der Sympathikus wird verstärkt aktiviert. Er erhöht unter Stress Puls und Blutdruck, reduziert die Magen-Darm-Tätigkeit, steigert die Schweißproduktion, fördert die Ausschüttung von Adrenalin und Noradrenalin und führt zu Muskelverspannungen.
Der Parasympathikus, der normalerweise für Erholung und Regeneration zuständig ist, kann unter Stress ebenfalls beeinflusst werden. Dies kann beispielsweise zu Durchfall, erhöhtem Harndrang oder Magenbeschwerden führen.
Häufige psychosomatische Beschwerden
Aufgrund dieser dauerhaften Stressbelastung leiden traumatisierte Menschen häufig unter:
- erhöhtem Ruhepuls
- Bluthochdruck
- funktionellen Magen-Darm-Beschwerden
- Reizdarmsyndrom
- Muskelverspannungen
- Spannungskopfschmerzen
- Magenschleimhautentzündungen
- Magengeschwüren
Ähnliche Beschwerden treten auch bei Menschen auf, die dauerhaft starkem äußeren Stress ausgesetzt sind. Die zugrunde liegenden neurophysiologischen Prozesse sind dabei vergleichbar.
Erschöpfung und Schlafstörungen
Viele Betroffene eines psychischen Traumas berichten über starke Müdigkeit, chronische Erschöpfung oder sogar ein Chronisches Fatigue-Syndrom (CFS).
Durch den anhaltenden Stresszustand und die erhöhte Aktivität des Sympathikus findet kaum ausreichende Regeneration statt. Körperliche und psychische Ressourcen werden langfristig aufgebraucht, was zu Erschöpfungszuständen führen kann.
Zusätzlich leiden viele Traumatisierte unter Schlafstörungen. Diese sind ebenfalls Ausdruck eines erhöhten Grundstressniveaus und erschweren die notwendige körperliche und seelische Erholung.
Hormonelle Auswirkungen
Die Hypophyse fungiert als hormonelles Steuerungsorgan des Hypothalamus. Da der Hypothalamus wiederum eng mit dem limbischen System verbunden ist, kann ein psychisches Trauma auch die Hormonregulation beeinflussen.
Dauerhafter Stress kann zu einer erhöhten Ausschüttung von Cortisol führen. Dies kann unter anderem folgende Folgen haben:
- erhöhter Blutdruck
- Störungen des Zuckerstoffwechsels
- Beeinträchtigung des Immunsystems
- hormonelle Dysbalancen
Über die Amygdala-Hypothalamus-Hypophysen-Achse können zudem Störungen des weiblichen Zyklus oder andere hormonelle Beschwerden entstehen.
Psychogene Schmerzen und ihre Entstehung
Viele traumatisierte Menschen leiden unter chronischen Schmerzen, obwohl umfangreiche medizinische Untersuchungen keine ausreichenden körperlichen Ursachen ergeben.
Häufig vergehen Jahre mit Arztbesuchen, Krankschreibungen und medikamentösen Behandlungen, bevor eine psychosomatische Ursache in Betracht gezogen wird.
Psychogener Schmerz kann als Ausdruck einer gestörten Stressverarbeitung im limbischen System verstanden werden.
Die Rolle des Gehirns bei der Schmerzwahrnehmung
Schmerzsignale werden zunächst über das Rückenmark zum Thalamus weitergeleitet. Von dort gelangen sie zum somatosensorischen Kortex, wo Schmerz lokalisiert und wahrgenommen wird.
Gleichzeitig werden die Signale jedoch auch an das limbische System und den Präfrontalkortex weitergeleitet. Dort erfolgt die emotionale Bewertung des Schmerzes.
Heute ist bekannt, dass die subjektive Schmerzstärke nicht allein von der Intensität eines Reizes abhängt. Entscheidend sind vielmehr die Verarbeitung und Interpretation durch verschiedene Hirnregionen, insbesondere:
- Amygdala
- Hippocampus
- Gyrus cinguli
- Präfrontalkortex
Diese Strukturen sind eng mit der Stressverarbeitung verbunden.
Zusammenhang zwischen Trauma und Schmerz
Sind im Traumagedächtnis belastende Erfahrungen gespeichert, entsteht dauerhaft Stress. Dieser beeinflusst wiederum die Art und Weise, wie Schmerzreize verarbeitet werden.
Schmerzen stellen selbst eine Form von Stress dar. Durch eine gestörte Stressverarbeitung kann das Stresshormon Corticotropin-Releasing-Hormon (CRH) verstärkt ausgeschüttet werden. Dieses beeinflusst schmerzhemmende Systeme im Rückenmark und kann zu einer verstärkten Schmerzwahrnehmung führen.
Studien zeigen zudem Zusammenhänge zwischen frühen Schmerz- und Stresserfahrungen sowie einer erhöhten Schmerzempfindlichkeit im Erwachsenenalter. Frühere Belastungen können somit langfristig Einfluss auf das Schmerzempfinden nehmen.
Die Bedeutung von Bindung und sozialer Unterstützung
Menschen, die in ihrer Kindheit wenig emotionale Sicherheit, Bindung und Zuwendung erfahren haben, weisen häufig eine höhere Stress- und Schmerzanfälligkeit auf.
Das Hormon Oxytocin, oft auch als „Bindungs- oder Kuschelhormon“ bezeichnet, wirkt stressreduzierend und angstlösend. Es hemmt die Ausschüttung von Cortisol und kann die Aktivität der Amygdala verringern.
Zahlreiche Studien zeigen außerdem, dass soziale Unterstützung Schmerzen reduzieren und die psychische Belastbarkeit stärken kann.
Fehlende Bindungserfahrungen können hingegen die Entwicklung körpereigener schmerzhemmender Systeme beeinträchtigen und damit die Schmerzsensibilität erhöhen.
Frühe Belastungen und ihre Langzeitfolgen
Belastende Kindheitserfahrungen können die Stressverarbeitung dauerhaft beeinflussen. Dazu zählen beispielsweise:
- chronische Konflikte in der Familie
- häusliche Gewalt
- psychische Erkrankungen der Eltern
- emotionale Vernachlässigung
- soziale Ausgrenzung
- autoritärer Erziehungsstil
- längere Trennung von Bezugspersonen
Diese Erfahrungen können im späteren Leben zu einer erhöhten Stressanfälligkeit und einer verminderten Fähigkeit zur Stress- und Konfliktbewältigung führen. Dysfunktionale Stressverarbeitung führt wie weiter oben schon beschrieben zu verstärkter Schmerzanfälligkeit.
Schlussbemerkung
Auch heute fällt es vielen Ärzten und Therapeuten schwer, chronische Schmerzen ohne eindeutige körperliche Ursache als psychisch mitbedingt zu erkennen. Dadurch werden Diagnosen wie Somatisierungsstörung oder anhaltende somatoforme Schmerzstörung häufig erst spät gestellt.
Die Folge sind lange Leidenswege für Betroffene, eine zunehmende Chronifizierung der Beschwerden und hohe Behandlungskosten.
Auch im alternativmedizinischen Bereich werden psychisch bedingte Schmerzen häufig anderen Ursachen zugeschrieben. Diagnosen wie Schwermetallbelastung, Übersäuerung, Darmpilze, Wirbelblockaden oder craniomandibuläre Dysfunktion (CMD) stehen oft im Vordergrund, während die psychischen Ursachen unberücksichtigt bleiben.
Ein besseres Verständnis der Zusammenhänge zwischen psychischem Trauma, Stressverarbeitung und körperlichen Beschwerden kann dazu beitragen, Betroffene frühzeitiger zu erkennen und gezielter zu behandeln.
Falls Sie unter den Folgestörungen eines Traumas leiden, dann kann ich Ihnen auch weiterhelfen. Ich bin ausgebildeter Traumafachberater.